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Ein Dichter geht um in der Wetterau

Als er etwa 15 Jahre alt war und in Friedberg, am kleinen Fluss entlanglief und die Sonne über der Wetterau unterging, dachte er: „Jetzt bist du hier, und was machst du damit? Mit der Sonne, dem Fluss, der Wetterau? Das war einer der Gründe, warum ich angefangen habe zu schreiben.“ So schildert Andreas Maier seine Selbstwerdung als Schriftsteller. Den Blick zurück auf das Ich, das er einmal war und das ihn zu dem machte, der er heute ist, hat Maier seit einigen Jahren zu seinem literarischen Großprojekt „Ortsumgehung“ erhoben. Von der zerstörenden Kraft einer neuen Straßenführung ist auch die Kreisstadt Friedberg in der Wetterau seit Jahrzehnten bedroht, wo Maier, 1967 in Bad Nauheim geboren, aufwuchs. „Umgehung“ bedeutet bei Maier aber kein Ausweichen, kein Vermeiden, sondern ist wohl vielmehr so zu verstehen wie in dem ersten Satz des Marxschen „Kapitals“: „Ein Gespenst geht um in Europa …“ 11 Bände soll der Zyklus am Ende umfassen; mit jedem neuen Band weiten sich Radius und Horizont der Betrachtungen: Auf das „Zimmer“ folgten „Haus“, „Straße“ und „Ort“ und nun schließlich der „Kreis“. Aus diesem Streckenabschnitt auf Maiers geplanter Ortsumgehung, der von dem überwältigenden Erlebnis eines Rock-Konzerts in der Festhalle erzählt und von den ersten emphatischen Versuchen, „Ich“ zu sagen und zu behaupten, hat Andreas Maier am Freitag, dem 24. November, 20 Uhr, auf Einladung der Lukasgemeinde in der Gießener Johanneskirche gelesen. (Foto: Jürgen Bauer/Suhrkamp)