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Bitterer Kelch der Geschichte

„Auf dass, wer solche Tränen künftig sehe, dazu nicht schweige…“ Diese Mahnung – sie findet sich als Bildunterschrift auf einem Kirchenfenster in der Frankfurter Lukaskirche – führt auf die Spur der Lebensgeschichte des Ehepaares Georg und Marie Kalischer. Marie Kalischer hatte dieses Fenster 1953 für die Sakristei der Lukaskirche gestiftet. Das Bild zeigt einen Kelch (lat.= calix, Anklang an den Namen Kalischer) und soll auf diese Weise daran erinnern, dass zum Christentum konvertierte Juden 1942 vom Abendmahl ausgeschlossen wurden. Auch ihr Mann, der 1873 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde, war zum französisch-reformieren Bekenntnis übergetreten. Der erfolgreiche Chemiker hatte Jahre lang als Direktor das Hauptlabor von Bayer-Leverkusen geleitet und war maßgeblich an der Weiterentwicklung der Forschung auf dem Gebiet der Farbstoffe beteiligt. Am 12. November 1938 wurde er, wie Tausende andere Frankfurter Juden, im Zuge der Reichspogromnacht verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Am 1. Dezember, drei Tage nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager, starb er an den Folgen der Haft. Seine Witwe Marie wurde in den folgenden Jahren quasi enteignet. Erst 1955 gelang es ihr, die Anerkennung ihres Mannes als NS-Opfer gerichtlich durchzusetzen. Mit dem rückerstatteten Vermögen gründetet sie eine Stiftung, die mehrere caritativen Einrichtungen unterstützte. Das Mahnmal – gestaltet aus Glas vom Künstleraduo Siebrecht && Pempeit (Iserlohn) – soll nicht allein an das den Eheleuten Kalischer zugefügte Unrecht, sondern an alle Opfer des Novemberpogroms von 1938 im Stadtteil Sachsenhausen erinnern. Es wurde am 11. Juni 2017 auf dem Südfriedhof in Frankfurt-Sachenhausen, eingeweiht. (Unsere Abbildung zeigt eine Studie aus den Vorarbeiten zu der Skulptur)

Von Marie Kalischer gestiftetes Glasfenster in der Sakristei der Frankfurter Lukaskirche

Das Mahnmal auf dem Südfriedhof