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Ewigkeit und Endlichkeit

Bereits zum fünften Male gab jetzt der Interreligiöse Chor Frankfurt ein Konzert, in dem ein einziger Psalm im Mittelpunkt stand. Dieses Mal hatten die Chorleiter, die evangelische Kantorin Bettina Strübel und der jüdische Vorbeter Daniel Kempin, den 90. Psalm: „Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für“ ausgewählt. Und wieder wurden unterschiedliche historische Vertonungen und Bearbeitungen dieses Textes vorgestellt. Eine Premiere gab es allerdings dabei: Erstmals fand dieses Konzert im Festsaal des Jüdischen Gemeindezentrums in Frankfurt statt.

Er ist der einzige Psalm, der dem Begründer des Judentums zugeordnet wird: So ist der 90. Psalm mit dem Satz „Gebet für Moses, den Mann Gottes“ überschrieben, eine Formulierung, die im Psalter an keiner anderen Stelle wiederkehrt. Einzelne Verse aus diesem Psalm werden indes häufig zitiert, wie etwa „Wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz“, oder: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich erscheint, ist doch nur vergebliche Mühe…“ Dieser Psalm handelt also von der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit des menschlichen Daseins. Im Judentum wird er daher auch häufig bei Beerdigungen zitiert, in der protestantisch-christlichen Tradition liest man ihn ebenfalls am Ewigkeits- oder Totensonntag, dem drittletzten Sonntag im Kirchenjahr.

So düster manche Passagen des 90. Psalms wirken mögen – diese Verse haben zu allen Zeiten Komponisten zu wunderbarer geistlicher Musik inspiriert. Wieder, bereits zum fünften Male, hatte es sich der Interreligiöse Chor Frankfurt vorgenommen, die ganz unterschiedlichen Vertonungen eines einzelnen Psalms vorzustellen. Auffällig war, dass gleiche mehrere Kompositionen aus dem 16. Jahrhundert stammten – und natürlich aus der Barockzeit, jener Epoche, deren Lebensfreude ja sprichwörtlich ist und die dennoch wie kaum eine andere immer wieder die Endlichkeit alles Lebendigen thematisiert. Der Chor, der aus jüdischen, christlichen und muslimischen Amateursängern besteht, bewältigte unter der Leitung seiner Doppelspitze mit der evangelischen Kantorin Bettina Strübel und dem jüdischen Chasan (Vorbeter) Daniel Kempin bravourös dieses anspruchsvolle Programm; bei den Solisten waren es vor allem der Sopran von Simone Schwark und der Countertenor Daniel Lager, deren Stimmen das Publikum begeisterten. Und die bewegendste und im Grunde versöhnlichste Komposition stammte überraschenderweise aus dem 20. Jahrhundert: In einer Uraufführung sang der Chor auf Hebräisch die Vertonung des 90. Psalms von Chasan Jack Kessler, geboren 1944.

Zwischen den einzelnen musikalischen Darbietungen diskutierten die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck und die Theologin Elke Morlok von der Uni Mainz über die adaequate Übersetzung des Psalms und über seine mögliche Interpretation, wobei sich zeigte, dass sich die beiden Expertinnen längst nicht immer einig in der Deutung einzelner Verse waren. Übersetzt beispielsweise Luther „Herr, Du bist unsere Zuflucht für und für“, eine Deutung, die für Elke Morlok bis heute Gültigkeit besitzt, möchte Elisa Klapheck an dieser Stelle lieber den Ausdruck „Wirkstätte“ sehen, denn „in der Geschichte des Judentums sei der Schutz Gottes ja nicht durchgängig garantiert. Gott ist nicht berechenbar!“, sagte die Rabbinerin. Für Morlok ist es vielmehr die Gottesferne, die Menschen ins Unglück stürzen lasse. Einig waren sich beide Theologinnen darin, dass es in diesem Text darum gehe, in der kurzen Spanne, die dem Menschen gewährt sei, mit der Hilfe Gottes zu einem sinnhaften und erfüllten Leben zu finden – „wir haben ja nur dieses eine“, so Elisa Klapheck. Der Gedanke an ein Leben nach dem Tode sei dem Judentum weit weniger wesentlich als dem Christentum. Ebenso zeigten sich beide Expertinnen gleichermaßen beeindruckt von dem Mut, der aus diesen Versen spricht: Denn der Beter wendet sich direkt an Gott und ruft diesen zur Umkehr auf, was fast auch wie eine Umkehr der Verhältnisse klingt.

Insgesamt ein spannender Abend mit interessanten Anklängen und vielstimmigen Aussagen zu einem mehrere Tausend Jahre alten Text. Übrigens war dieser Abend so etwas wie eine Premiere, denn erstmalig fand diese Konzertreihe im Jüdischen Gemeindezentrum im Frankfurter Westend statt, dessen Festsaal fast bis auf den letzten Platz gefüllt war. Alle, die Gastgeberin Jüdische Gemeinde, die Mitwirkenden und die Zuhörer waren sich einig: Ein besserer Rahmen für diese Veranstaltung dürfte kaum zu finden sein.