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"Zurück zur Laborbank!"

Auch das dritte wissenschaftliche Symposium der EKHN Stiftung fand in der Öffentlichkeit großen Anklang. So versammelten sich am vergangenen Samstag rund 600 Besucher im Auditorium Maximum auf dem Unicampus Westend der Frankfurter Goethe-Universität. Dort bot sich ihnen einen ganzen Tag lang die Gelegenheit, führende Vertreter aus Medizin, Biologie, Pharmakologie und Theologie zu erleben und zu hören, wie diese Chancen, Erfolge, Risiken und Rückschläge in der Stammzellforschung einschätzen und beurteilen. Die vielen Wortmeldungen, kritischen Fragen und Kommentare aus dem Publikum bewiesen eindrucksvoll, mit welchem Interesse und Engagement die Bürger die Debatte um die medizinischen und ethischen Herausforderungen, vor die uns die Stammzellforschung momentan stellt, verfolgen. Nicht umsonst hatte die EKHN Stiftung eine Frage als Titel für diese Veranstaltung gewählt: Denn ist „Der erneuerbare Mensch?“ wirklich erstrebenswert? Haben wir ein Anrecht auf ein ewiges Leben in unverminderter Gesundheit, dürfen wir die von der Wirtschaft häufig geforderte Selbstoptimierung auch auf unsere Gene übertragen? Schon träumen manche von den neuen Möglichkeiten der Medizin, der es vielleicht irgendwann gelingen wird, in der Petrischale Organe wie Ersatzteile bei körperlichen Defekten und altersbedingtem Verfall zu züchten, perfekt designte Babys nach Elternwunsch in den Mutterleib einzusetzen oder mit dem gezielten Einsatz vielvermögender Stammzellen organische Erkrankungen von innen her zu heilen, ohne die üblichen Risiken und Nebenwirkungen einer OP samt Vollnarkose.

Doch in den Vorträgen der führenden Experten auf dem Gebiet der Stammzellforschung klang auch Skepsis durch. So fasste der Pharmakologe Professor Dr. Theo Dingermann aus Frankfurt, der die Stiftung während der Vorbereitungen zum Symposium unterstützt und beraten hatte, die Erfolge der heutigen Medizin doch eher nüchtern zusammen: „Krankheiten heilen: nein; Krankheiten managen: ja!“ Denn die Mortalitätsrate sei zwar gesunken, nicht aber die Zahl der chronisch Kranken. Auch Magdalena Götz (München), eine Pionierin bei der Erforschung der Wirkweise von Gliazellen im Gehirn, zeigte sich zurückhaltend, als sie danach befragt wurde, wann ihre Erkenntnisse praktisch in der Therapie eingesetzt werden können: „Ich bin keine Prophetin oder Hellseherin und kann nicht in die Zukunft blicken!“, wehrte sie jede Festlegung auf eine sichere Zeitspanne ab. Anthony Ho, Medizinprofessor aus Heidelberg, der an der Entwicklung der Knochenmarktransplantation beteiligt war und zu den Mitentdeckern der Therapie mit Stammzellen aus dem zirkulierenden Blut gilt, forderte ebenfalls ein „Zurück zur Laborbank“ und die Befreiung der Grundlagenforschung von ihrer sofortigen ökonomischen und therapeutischen Nutzbarmachung. Nur in einem Punkt schien Hos Optimismus ungebrochen: Der Wissenschaftler war sichtlich beeindruckt von den „sehr differenzierten und stimulierenden Fragen“ der jungen Zuhörer im Auditorium. Die Idee der EKHN Stiftung, dem öffentlichen Symposium ein zweitägiges Seminar für rund 200 Oberstufenschüler aus ganz Hessen und Rheinland-Pfalz voranzustellen, hat sich auch in diesem Jahr wieder bewährt. Denn die Jugendlichen hatten sich mit unglaublicher Intensität in die verschiedenen Aspekte und Themenbereiche der Stammzellforschung eingearbeitet. Das bewiesen nicht nur die gezielten Fachfragen, die sie an die renommierten Wissenschaftler richteten, sondern auch die Plakate, die in den einzelnen Workshops erarbeitet und gestaltet worden waren. Diese wurden vor dem Eingang zum Audimax ausgestellt, und in jeder Pause zwischen den Vorträgen sah man die Schüler lebhaft mit Besuchern und Teilnehmern des Symposiums über die Kernaussagen auf den Postern diskutieren. „Nicht nur die Stammzellen, sondern auch diese jungen Leute sind Hoffnungsträger“, fasste Anthony Ho seinen Eindruck zusammen.

Wie schwierig es ist, eine eindeutige ethische Position gegenüber der Stammzellforschung zu gewinnen, legte Klaus Tanner, Professor für evangelische Theologie an der Universität Heidelberg, in seinen Ausführungen dar. „Hat jede befruchtete Eizelle den Anspruch auf Schutz ihrer Menschenwürde?“, fragte er, um sofort klarzustellen, dass selbst so fundamentale Fragen kontextabhängig seien. Denn der Begriff der Menschenwürde formuliere lediglich „ein Prinzip, aus dem aber nicht immer eine Lebenspraxis resultiert“. Vielmehr müssten auch ethische Prinzipien immer wieder neu ausgelegt werden; man könne von ihnen nicht die Exaktheit und Zuverlässigkeit wie von mathematischen Gesetzen erwarten. Und gegen den Anspruch auf Schutz der Menschenwürde stünden zwei weitere legitime Erwartungen: das Recht auf Heilung und die Freiheit der Forschung. Für Tanner besteht die Lösung solcher moralischen Konflikte daher im Kompromiss: Kein Ja oder Nein sollte das Ergebnis sein, sondern ein Sowohl-als-auch. Wie in der Politik: „Bei parlamentarischen Beschlüssen kommt am Ende ja auch immer das heraus, was niemand gewollt hat.“