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Winterpsalm, Todespsalm

“Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir!” Im Judentum wird Psalm 130 im Winter an jedem Schabbatnachmittag gebetet, und in den zehn Tagen zwischen dem Neujahrs- und Versöhnungsfest, die ganz im Zeichen der Rückbesinnung und Umkehr stehen sollen, ist er Bestandteil eines jeden Morgengebets. Im Christentum spielt dieser Psalm eine noch größere Rolle; er ist der sechste von insgesamt sieben Bußpsalmen; in der katholischen Kirche wird er außerdem als traditionelles Totengebet rezitiert. Der Interreligiöse Chor Frankfurt hat diesem bedeutsamen Psalm sein 4. Konzert gewidmet. Unter der Leitung der christlichen Kantorin Bettina Strübel und des jüdischen Vorbeters Daniel Kempin trug das 50köpfige Vokalensemble ganz unterschiedliche Interpretationen dieses berühmten Textes vor: den Choral aus einer Bach-Kantate, eine Komposition von Felix Mendelssohn-Bartholdy sowie synagogale Vertonungen aus dem 19. Jahrhundert.

Außerdem wagten die Sänger eine eigene Annäherung an die  Worte, die von einer tiefen Krise des Psalmisten zu zeugen scheinen, indem sie in einer Chorimprovisation jüdische und christliche Elemente zu einem Klangerlebnis miteinander verschmolzen.Melanie Köhlmoos, Professorin für Altes Testament an der Frankfurter Goethe-Uni, und die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck erörterten die unterschiedlichen Übersetzungen des Psalmentextes. In einem Punkt waren sich beide Theologinnen vollkommen einig: Trotz aller Verzweiflung im Tonfall zeugt auch - oder vor allem - dieser Psalm von dem unerschütterlichen Vertrauen seines Schöpfers in Gott.